Zett-Artikel vom 01.11.2020

Der Notstand – eine Chance zur persönlichen Entwicklung

Das Einhalten der Vorgaben und Schutzmaßnahmen hat so ziemlich alles einfrieren lassen, was eine zufriedene Menschenseele braucht. Vieles, was junge Mütter und Väter durch die Neue Pädagogik in die Erziehung ihrer Kinder eingebracht haben, erarbeitete Werte, Konzepte und Lebenshaltungen junger Menschen, Lebenspläne und Vorhaben wurden von einem Tag auf den anderen in Frage gestellt. Soziale Kontakte, menschliches Miteinander und Austausch wurden zu kollektiven Gefahrenquellen. Eine anstrengende und herausfordernde Zeit, wo wenig Futter für die Seele zu kriegen ist.

„Ein traumatisches Ereignis an sich kann jeder Mensch leicht verarbeiten. Schwer wird es, wenn sich die Dinge wiederholen“ – sagt Luise Reddemann, bekannte Fachfrau in der Traumatherapie.

Es kann hilfreich sein, sich in dieser Zeit, selbst gut zu führen und zu schützen. Vor allem Eltern sind doppelt gefordert, sich und ihre Kinder fest im Blick zu halten.  Dazu sollten wir uns geduldig begegnen und uns vermehrt Zeit für die eigene Geschichte, die eigenen Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse nehmen. Diese Pandemie bietet die Herausforderung, kreativ zu werden und den einschränkenden Alltag mit neuer Farbe und Erleben zu füllen. Nachdem im Außen mehrmals täglich alles anders werden kann und ständig unterschiedliche Informationen auf uns einwirken, sind wir psychologisch gesehen ständigem Stress ausgesetzt. Da ist es von Vorteil, wenn wir innerlich gesicherte Prozesse entwickeln und Strategien anwenden, die es uns ermöglichen, gut bei uns selbst zu bleiben und uns nicht in der Angst zu verlieren

Sichere Räume der Begegnung schaffen –weg von der Spaltung

Die Bindungsforschung, ein wichtiger Zweig der Psychologie, erinnert uns daran, dass es ein zentrales menschliches Bedürfnis ist, sich miteinander zu verbinden und aus zu tauschen. Im Miteinander erlebt der Mensch das Gefühl von Geborgenheit und Nähe und dieses brauchen wir um zu überleben. Zudem schaffen wir es im Austausch mit anderen und indem wir uns aneinander „reiben“, über uns selbst hinaus zu wachsen. Und auch das ist ein natürliches Bedürfnis. Die Natur sieht also vor, dass wir Menschen uns als „Rudel“ bewegen und entwickeln, dass wir einander verbinden und dadurch gewinnbringende Netzwerke bilden. Durch die vielen Einschränkungen sind wir immer wieder angehalten, uns selbst sichere Räume im Kleinen zu schaffen, wo Nähe und Austausch möglich bleiben, Körperkontakt stattfinden kann und viele Umarmungen geschehen dürfen. 3 Umarmungen am Tag, die länger dauern als 30 Sekunden, wirken sich bereits positiv auf unsere Stimmung aus.

Gedanken kreisen um Corona – Was tun?

Die chronische Unsicherheit bewirkt, dass wir uns vermehrt mit dem Thema beschäftigen. Dadurch gerät unser Gehirn ständig an sein Limit, weil es keine Lösungen finden kann. So denken wir sehr viel nach, kommen aber zu keinem Ergebnis. Das wiederum löst Stress und Frustration aus. Den Fokus in „gedankenreichen“ Zeiten auf sich selbst zu bringen, bedeutet, sich bewusst mit sich selbst auseinander zu setzen. Dies hilft zum einen, sich besser kennen zu lernen, zum anderen bewegt es uns dazu, Lösungen zu suchen, wo welche zu finden sind. Es gilt besonders behutsam mit sich selbst um zu gehen. Das bedeutet zum Beispiel einen liebevollen Blick auf den inneren Kritiker zu halten, sich Selbstverwöhnungsprogramme aller Art zu gönnen bis hin zu einem wertschätzenden Miteinander. Zusätzlich kann es zum Beispiel spannend sein, immer wieder in sich hinein zu spüren und Antworten auf Fragen zu erarbeiten, wie: was macht diese Pandemie mit mir als Mensch? Was genau löst sie in mir aus und warum ist das so? Was von dem, was ich bisher über mich und die Welt geglaubt habe, macht so noch Sinn? Worum geht’s mir wirklich im Leben und lebe ich danach? Welche Beziehungen tun mir gut und wie schaffe ich es, diese zu fördern?

Sich mit dem „Wesentlichen“ zu beschäftigen, kann beruhigend und stärkend sein und wohltuende Gespräche in Partnerschaft und Familie anregen. Wenn Kinder spüren, dass sich ihre Eltern der Situation stellen und sich selbst dabei selbst nicht verlieren, dürfen sie sich trotz Krise sicher und geführt fühlen. Als Eltern gelingt es uns leichtert, mit den Anliegen und Bedürfnissen unserer Kinder zurecht zu kommen, wenn wir den Ursprung unserer eigenen Verletzungen und Verhaltensmuster kennen. Durch neue innere Leseschlüssel können oft schon wertvolle tiefe Veränderungen entstehen.

„Die eigenen Ängste sind die besten Schlüssel zum Glück“ Psychologische Unterstützung hilft

Das Recht auf psychische und mentale Gesundheit ermöglicht es allen Menschen, sich fachliche Hilfe zu holen und wertvolle Unterstützung für sich und das eigene Wohlbefinden zu kriegen. Die eigenen Ängste und Unsicherheiten als Möglichkeit und Chance zu sehen, weiter zu wachsen und darin professionell unterstützt zu werden, steht uns somit allen zu. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein glückliches Leben und da gehört eine gesunde zufriedene Seele dazu. Psychologisch und Therapeutisch geschulte Menschen sind für das Begleiten und Entwickeln hilfreicher innerer Prozesse ausgebildet und können in Zeiten wie diesen wertvolle Unterstützung anbieten.

 

 

Angelika Fauster

Psychologin, Psychotherapeutin, Imagotherapeutin,

Ratsmitglied der Psychologenkammer, Mitglied der Imago Gesellschaft Österreich, Mitglied der Akademie für Potentialentfaltung

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